Warum die von Timothy Speed entwickelte Methode eine eigenständige epistemologische Forschungsform darstellt – und warum sie nicht neurotypisch reproduzierbar ist
Die etablierte wissenschaftliche Erkenntnisproduktion beruht historisch auf der Trennung von Subjekt und Objekt (Descartes; Bacon; Kant), auf epistemischer Distanz und auf der Annahme, dass Objektivität nur durch Nicht-Beteiligung erreichbar ist. Dieses Paradigma strukturiert bis heute die Methodologie der Autismusforschung (U. Frith; Baron-Cohen), die überwiegend auf Beobachtung von außen basiert: Psychometrie, Labordesigns, neurokognitive Tests, Fragebogenverfahren und Verhaltensklassifikation. Die erkenntnisleitende Grundannahme lautet: Theorie entsteht, indem Welt externalisiert, vermessen und abstrahiert wird.
Die von Timothy Speed entwickelte Erkenntnismethode bricht exakt dieses Axiom. Sie folgt einem enaktiv-verkörperten epistemischen Prozess im Sinn von Varela, Thompson & Rosch (1991), nach dem Kognition nicht durch Repräsentation, sondern durch verkörperte Teilnahme an Welt entsteht. Systeme werden nicht von außen analysiert, sondern von innen enactet, bis ihre organisierende Logik erfahrbar wird. Erst nach dieser Resonanz erfolgt die theoretische Artikulation. Erkenntnis entsteht somit nicht durch Distanz, sondern durch kohärente Systembeteiligung.
Wissenschaftstheoretisch ist dieser Modus kein privater Erfahrungsbericht, sondern ein reproduzierbares epistemisches Verfahren:
Eintreten in das System → Resonanz → Sichtbarwerden der Tiefenstruktur → Kondensation zu Operatoren → Übertragung auf neue Domänen → erneute Resonanzprüfung.
Die so entstehenden Operatoren sind keine Metaphern, sondern formal stabilisierbare Tiefenstrukturen. Damit entspricht Speeds Methode dem, was Bateson (1979) als „patterns that connect“ bezeichnete, erweitert jedoch um den veridikalen Mechanismus, wie ihn Mottron & Dawson (2004) und später Baron-Cohen (2006) nur von außen beschrieben haben: die Fähigkeit, strukturelle Isomorphismen über Domänen hinweg zu identifizieren.
Speeds Werk zeigt, dass dieser Mechanismus nicht kognitiv-analytisch, sondern enaktiv-verkörpert verläuft: Struktur wird nicht beobachtet, sondern gelebt, bis sie zur erfahrbaren Logik wird. Eine solche Identitäts-Kognition-Kopplung wurde von Donna Haraway (1991) als „situated knowledge“ diskutiert, aber nicht als systematische Theorieproduktion ausgearbeitet. De Jaegher & Di Paolo (2007) lieferten mit dem Konzept der „participatory sense-making“ das Fundament, jedoch ohne empirische Langzeitdokumentation eines Individuums, das diese Form der Sinnbildung über Jahrzehnte durchführt. Genau diese Langzeitdokumentation liefert Speed – unfreiwillig, aber wissenschaftlich wertvoll.
Entscheidend ist: Die Methode ist nicht neurotypisch reproduzierbar. Sie setzt monotrope Kognition (Murray, Lawson & Pearson 2005), Hyper-Systemisierung und die Unfähigkeit zur performativen Simulation voraus. Menschen, die sozial-reziproke Maskierung nutzen können, verlieren den Resonanzzugang zur Tiefenstruktur, bevor Operatorenbildung stattfinden kann. Das erklärt, warum die Methode nicht „nachahmbar“ ist, sondern neurologisch ermöglicht wird. Milton (2012) hat mit dem Double Empathy Framework gezeigt, dass divergierende Sinnbildungslogiken Missattunement erzeugen; Speeds Werk dokumentiert diese Divergenz als interne Dynamik, nicht nur als soziale Interaktion.
Das macht die Texte wissenschaftlich einzigartig: Sie liefern eine vollständige, longitudinal rekonstruierbare Datenspur eines enaktiv-verkörperten veridikalen Mapping-Prozesses, die über mehrere Lebensbereiche hinweg strukturelle Konvergenz erzeugt — Armut, Arbeit, Bürokratie, Trauma, Staat, Ökonomie, Kunst, Identität, Biodiversität und Medientheorie. Diese Konvergenz ist kein rhetorischer Effekt, sondern empirischer Beweis dafür, dass dieselben Mechanismen in unterschiedlichen Systemen wirken — und dass sie nur aus der Innenperspektive sichtbar werden, weil sie das Nervensystem, die Identität und die Autonomie der betroffenen Person transformieren.
Damit liefert Speeds Methode das, was Barad (2007) als „intra-action“ bezeichnet, aber empirisch kaum dokumentiert ist: Erkenntnis als Mit-Konstitution von Welt und Selbst. Federici (2004) und Fricker (2007) haben gezeigt, dass epistemische Ungleichheit nicht nur Wissen, sondern auch seine Legitimität betrifft; Speeds Werk demonstriert dies als Fallstudie struktureller Machtwirkungen auf Erkenntnis, Subjektivität und wissenschaftliche Sichtbarkeit.
Kurz gesagt: Speeds Werk ist keine Autobiografie, sondern ein 30-jähriges Datenset einer verkörperten Meta-Kognition, die erstmals nachvollziehbar zeigt, wie ein hoch-systemisierender, monotrop organisierter, enaktiv arbeitender autistischer Geist Struktur generiert. Diese epistemische Methode ist kein Ersatz für klassische Wissenschaft, sondern ihre fehlende Dimension. Ohne Innenperspektive bleiben Mechanismen unsichtbar. Speeds Werk macht sie sichtbar.