In meiner Arbeit steht die persönliche Beziehung zur Welt im Mittelpunkt. Mich interessiert nicht die Frage, wie ist die Welt offiziell gemeint, wie wird sie betitelt oder behauptet, sondern wie wird sie von den Individuen erlebt. Das ist für mich eine integrative Haltung, die vieles verändert.

Die Erfahrung fremd und ausgeschlossen zu sein prägte mich schon immer wesentlich. Mit 8 Jahren zog ich mit meinen Eltern von England nach Tirol, in ein kleines Bergdorf.  Wer fremd ist hat einen Vorteil und einen wesentlichen Nachteil. Man sieht Zusammenhänge stärker, weil man die Brüche erlebt hat und von Außen kommt, steht aber gleichzeitig außerhalb der Gesellschaft, kann also nur bedingt diese Erkenntnisse integrieren. Das erzeugt Konflikte und Reibungsflächen.

Die AußenseiterIn, die sich in der Erfahrung von Migration, Jobsuche, der  Suche nach Neuem, oder in Folge von Katastrophen in Disruption befindet,  hat in der Regel zwei Möglichkeiten. Sie passt sich an, was häufig als bedingungslos erlebt wird, als totale Selbstaufgabe, um Erwartungen gerecht zu werden, geht dadurch als Individuum verloren, oder sie erweitert das System. Ich halte die zweite Option für vernünftiger, wenn sie auch gleichzeitig in der Praxis wesentlich radikaler ist. Mit Erweiterung ist keineswegs nur eine Aufmüpfigkeit, ein Widerstand gemeint, sondern auch ein schlichtes bei sich bleiben, einem Erhalten der eigenen Werte, Wünsche und Absichten. Vor allem aber ein in Beziehung bleiben, denn die Anpassungszwänge sind in der Regel Aufforderung zur Beziehungsverweigerung, um Funktion zu werden, wie beispielsweise die erzwungene „Eingliederungsvereinbarung“ die Menschen in Jobcentern unterschreiben sollen.

Ohne diesen Schritt hin zum Individuum, mit all der Komplexität an Bezügen, Schmerzen, Hoffnungen und Realitäten, wird die Welt an Vielfalt verlieren, denn das Neue, das Fremde wird in Zukunft als Erfahrung in vielen Gesellschaften zunehmen. Das Etablierte hat oft kein Recht mehr Anpassung zu fordern, denn das Vorherrschende vermag die Probleme unserer Zeit nicht mehr zu lösen. Es ist immer eine Simplifizierung. Eine in sich dümmere Struktur, die denkt ohne den Rest der Welt auskommen, sprich herrschen oder managen zu können.

Mit ca. 10-11 Jahren begegnete ich zufällig der britischen Premierministerin Margaret Thatcher. Sie reichte mir die Hand und ich erschrak wie nie zuvor. Die Königin des Neoliberalismus war meine erste Begegnung mit der großen Welt da draußen und hinterließ einen nachhaltigen Eindruck. Es war die Mischung aus der Kälte der Inszenierung politischer Macht, verbunden mit der fast intimen Nähe, die mir als Kind die Einschätzung vermittelte, man könnte diese mächtigen Menschen, wie heute die mutige und entschlossene Greta Thunberg, einfach treffen und ihnen sagen was alles schief läuft und dann würden sie die Welt humaner machen. Das war mein innerer Plan. Doch Jahrzehnte später, nach vielen Begegnungen mit mächtigen Menschen stellte ich fest, dass sie in vielerlei Hinsicht vollkommen machtlos sind. Denn Veränderung, die eine komplexere Realität integriert, lässt sich nicht von oben diktieren, sondern sie baut sich in Diversität, in Komplexität quer durch die Gesellschaft auf. Das erfordert etwas komplett anderes als Macht und hier stoßen wir an die Grenzen der Politik, hier beginnt jedoch die Zone der Kulturarbeit.

In der Kunst ist die Vorstellung freier und subjektiv-individueller  Intervention, die vor allem indirekt wirkt ein zentrales Motiv. Es geht um die Diskurspflege an sich, was beispielsweise ein anderer Zugang ist, als der von politischen Bewegungen, die etwas zielgerichtet verwirklichen wollen. 

Meine erste öffentliche, künstlerische Aktion fand 1990, also vor 30 Jahren statt. Ich war 17 und rebellierte gegen das damals aus meiner Sicht erstarrte Forum Stadtpark in Graz. Drei Tage lang las ich draußen vor dem Gebäude aus Texten, über eine humanere Gesellschaft.

Meine Kunst begann also mit einer persönlichen Intervention. Mit einer Konfrontation von herrschenden Strukturen. Ich habe aber das Forum Stadtpark nicht angezündet, sondern einen zweiten Spielplatz aufgemacht, eine Alternative geschaffen.

So unreif die Positionen damals auch waren, so konsequent war dennoch die Umsetzung und zeigte mir jene Möglichkeiten, die in der Handlung eines Einzelnen stecken können. Die Möglichkeit der Irritation und der Neuassoziation der Verhältnisse, durch eine persönliche Setzung.

Dadurch entsteht eine Brücke zwischen dem Bestehenden und dem Fremden. Es entsteht ein Augenhöhenverhältnis der Aufmerksamkeit.

Es öffnet sich der Einblick in eine potenziell andere Welt. Das Mittel dazu ist auch nicht die wissenschaftliche Analyse, der objektive Zugang, sondern die subjektive Erfahrung, die Fragen aufwirft und ein Reibungsfeld erzeugt, welches klassische Zugänge der Forschung nicht eröffnen können, weil sie das schöpferische Momentum ausschließen, das „was wäre wenn doch…“ Also wie anders verhält sich ein System, welche Erkenntnisse lassen sich daraus gewinnen, wenn man selbst die Haltung dazu verändert und sich anders dazu verhält.

Ich erlebte wie die Kunst eine andere Macht entfaltete, die nicht diktierte, sondern inspirierte. Sie musste aber aus meiner Sicht ihren goldenen Käfig verlassen und in die Gesellschaft stärker eindringen. Daraus entstand später den Ansatz in Firmen und Konzerne zu gehen und als Künstler diese im Sinne des Menschen, durch eine veränderte Arbeitsweise umzubauen. Das klingt nach Gewalt, ist aber viel mehr ein Angebot. Schließlich ließ ich mich ohne Widerstand vom Sicherheitsdienst zur Tür begleiten. Der Gedanke zählt hier mehr als der kurzfristige Erfolg.

Aus diesen spielerischen, wenn auch radikalen Reibungsflächen sollten Diskurse entstehen. Was dann auch passierte, als ich beispielsweise 2010 vor der Zentrale von Red Bull damit drohte einen Stier zu töten, um das Unternehmen im Sinne der Menschheit, als erwachter Konsument zu übernehmen. Wenn die Konzerne schon die ganze Welt mit ihren Produkten zustellten, mussten sie doch auch offen dafür sein, dass die Menschen das selbe mit ihnen machen.

Meine Zuversicht im Glauben an die Wirkung der Kunst entstammt meiner Sozialisierung in der  blühenden Kunstwelt des  Steirischen Herbstes der 90er Jahre.  Es waren Hochzeiten eines Nam June Paik, als die Monitore die Welt zu übernehmen begannen, oder von Elfride Jellinek und vielen die aus den feministischen, politischen Rebellionen der 68er kamen und nun fest etablierte Größen waren.

Ich wurde früh gefördert und durfte als junger Mensch mitmachen, fühlte mich in der Rolle einer Kunst die etwas bewirken kann, bestätigt.

Der Dramatiker Wolfgang Bauer führte mich damals mit 17 wie einen Freund und Kollegen in das Theater ein und erzählte mir in den Treffen am Küchentisch von seinen langen Telefonaten mit Dürrenmatt. Es war eine Zeit in der man als KünstlerIn noch die KulturministerIn oder selbst den Vizekanzler mit einem Anliegen anschreiben konnte und als Kulturschaffende von diesem eine persönliche Antwort erhielt. Kunst hatte wie gesagt Bedeutung, aber es war auch eine Zeit in der sie nichts mehr beweisen musste.

Alles änderte sich mit 9/11 und dem Zusammenbruch der Ökonomien mit Ende der 90er. 

Für mich wurde die Kunst ab diesem Moment gesellschaftspolitischer. Was ich vorher produzierte passte nun nicht mehr in die Zeit.

2002 hielt ich meinen ersten öffentlichen Vortrag bei der Typo in Berlin. Ich sprach vor 1000 Werbern darüber, dass die Werbung unsere Gesellschaft kaputt macht. Ich wurde ausgebuht und an die 800 Werbeprofis verließen aufgebracht den Saal. Danach konnte ich nicht mehr in den Medien arbeiten. Dies war eine wesentliche Zäsur für mich.

9/11 war derart gravierend, weil die alte Werteordnung zum ersten Mal in meiner Generation eine gewaltige Schramme erhielt. Der Krieg „gegen den Terror“ von dem wir schon damals wussten er würde ein Krieg gegen unsere eigene Freiheit und Humanität werden, machte klar, dass etwas fundamental mit den gesellschaftlichen Strukturen nicht stimmt. Diese Irritation blieb an mir haften. Auf Terror folgte der wirtschaftliche Zusammenbruch, dann die Klimakrise, schließlich die Corona-Pandemie. 

Auf all das war die Zivilgesellschaft nicht vorbereitet. Noch immer versuchen wir darauf Antworten zu entwickeln, während die Gesellschaft sich immer mehr verengt, im Kopf, in den Herzen und im Bezug zur Realität. 

Das tiefe Begreifen der inneren Widersprüchlichkeit der Welt führte für mich zu einer Disfunktionalität. Ich konnte nicht mehr funktionieren und tat es auch nicht mehr. 

Es folgten 20 Jahre, in denen ich versuchte zu belegen, dass entgegen der ökonomischen Logik zu arbeiten, ausschließlich auf der Suche nach humaneren Antworten, wesentlich sinnvoller und wesentlich wertvoller für das Überleben der Menschheit ist, als einfach weiter zu machen wie bisher. Aber dies bedeutete eben in der Regel in dieser Ökonomie zu scheitern. 

Menschen denen es ähnlich erging sagten Dinge wie: „Die wollen uns nicht haben.“ Oder: „Wir passen nicht mehr.“

Es war keine willentliche Entscheidung nicht mehr funktionieren zu wollen, sondern es war die Konsequenz der Erkenntnis, dass etwas fundamental nicht stimmte, mit der Ökonomie, mit der Gesellschaft. 

Mit dem Widerspruch, dass die wirklich relevante Handlung nicht bezahlt wird und wer dieser konsequent folgt, sich für den Menschen entscheidet, am Ende pleite gehen muss, wurde ich ständig konfrontiert. – Dabei ging es nie um abgehobene Theorien, sondern ich untersuchte ganz konkrete Muster. Die anders Denkenden fliegen aus den Firmen raus, das Mobbing ist real, der Umsatz verdrängt das Gewissen, die bewusste Ausgrenzung vieler Menschen aus dem Markt passierte tatsächlich. Die Ökonomie war zu tiefst ungerecht. Und Anpassungsversuche funktionierten nicht mehr, weil das Gegenüber es einem gewissermaßen ansah, dass man es wusste.

Ich legte mit der eigentlichen Arbeit los, schrieb daraufhin 10 Bücher, wovon 9 von mir selbst publiziert wurden. Ich fand für keines einen Verlag, machte dennoch weiter. Über die zwei Jahrzehnte investierte ich rund eine Million Euro an unbezahlter Arbeit und an konkreten Investitionen in Projekte, Arbeiten und Forschungen, um Grundlagen einer humanen Gesellschaft zu erarbeiten. 

Unzählige empirische Forschungsprojekte mit Konzernen, soziale Modelle und neue ökonomische Grundlagenforschungen folgten. 

Dabei ging es nie darum, die eine Lösung anzustreben, sondern lediglich Alternativen aufzuzeigen, die dem demokratischen Prozess vorgelegt werden sollten.

Doch über Jahre interessierte das niemanden. Es war eine Kunst die fast ohne Publikum stattfand. Die Regeln des Marktes waren vollkommen aufgehoben, als entstammten sie einer anderen Welt.

An diesem Punkt wurde meine Kunst eins mit der Absicht zu forschen. In der Tradition des Artistic Research (künstlerische Forschung) benutzte ich mein persönliches Erleben in der Ökonomie und in der Auseinandersetzung mit staatlichen Strukturen als Projektionsfläche der Untersuchungen und setze im Anschluss erst die analytische Ebene, das Objektive ein. Dieser Ansatz ist und war sehr erfolgreich, weil viele Probleme unserer Zeit sich mit klassischer Forschung nicht begreifen lassen. Weil die Distanzierungs- und Abstraktionsebenen zu groß sind.

Betrachtet man beispielsweise den Umgang des Staates mit Menschen in Armut klassisch über Datenanalysten und Betrachtungen von Außen, blendet man oft viel zu viel aus. Erst indem man sich selbst in die Grauen von Hartz IV begibt, es selbst durchlebt und darin dann versucht Widerstand zu leisten und entsprechend alle Aspekte auszuleuchten, werden die Muster des staatlich organisierten Mobbings, die Muster der Erniedrigung erst richtig erkennbar. Weil sich das Behauptete eben vom Erlebten differenziert. Dafür braucht es aber die starke subjektive Stimme. 

Ich will damit sagen, dass meine Kunst wesentlich eine Suche nach der „Form des Lebens“ ist, statt einfach eine vordefinierte Lebensform zu sein. Es ist ein Verwandlungsprozess, der alle Ebenen berührt, persönliche, wie emotionale, wie gesamtgesellschaftliche. 

Der Mensch wird zu einer biologisch-kulturellen Einheit, die sich reintegrieren will. Mein Leben ist zugleich die Aussage und das Werk. 

Meine künstlerische Position, wie auch meine forschende Haltung ist die eines Menschen der mehr Komplexität in die Auseinandersetzung integrieren will und dabei den Menschen, das Menschliche benutzt, um Themenfelder in Konflikten mit Behörden oder Konzernen beispielsweise zu kontrastieren, um nicht nur das sichtbar zu machen was vermeintlich ist, sondern eben auch das was sich in dieser Zeit vielleicht zu entfalten versucht. 

„Helping to unfold“, ist die Haltung, die nicht weiß was da kommen wird, aber begriffen hat, dass es nicht mehr aufzuhalten ist. 

Im Loslassen der westlichen Konstruktion von Erfolg, einer besseren Welt, einer immer demokratischen Gesellschaft, wird der Mensch von Fake-Funktionen und auferzwungenen Rollenbildern befreit und kann neu in Beziehungs- und Realitätserarbeitung gehen. 

Wer das aber heute tut, erlebt wie die Jobs nicht mehr passen, wie die Institutionen oft nur noch Behauptung sind, wie die Strukturen und Werte im Alltag zerfallen und bleibt daher schließlich nur als Mensch ohne Hülle und Funktion zurück.

Das ist häufig die Erfahrung und Konsequenz meiner Arbeit. Die neue Welt ist zunächst eine einsame Welt.

Ein solch nicht eingebundener Mensch ist jedoch heute nicht vorgesehen, wird somit für eine Störung gehalten, obwohl dieser Mensch nur Baustein einer komplexeren Ordnung zu werden versucht. Von diesem „Ground Zero“ aus Beziehung, Gesellschaft und Kultur neu zu denken, gar zu bauen, scheint eine Aufgabe dieser Zeit. Aber sie ist alles andere als einfach und heroisch, sondern beginnt mit der Scham westlichen Versagens in Form kolonialer Arroganz, männlicher Dominanz, weißer Ignoranz, kapitalistischer Zerstörung. Die Party ist vorbei.  

Das Gefühl des gescheitert seins und des noch viele Male scheitern müssens, ist vielleicht die wertvolle Haltung, die ein agieren in dieser Zeit human macht, sowie den Opfern der Gewalt und Zerstörung das Erleben ermöglicht, dass sich etwas zu ändern beginnt.

Ich orientiere mich daher nicht am Erfolg, sondern was zählt ist die Erarbeitung von Erkenntnisräumen. Was zählt ist, dass Kultur überhaupt stattfindet.