Künstler, Buchautor, TV- und Filmproduktion, Speaker, Artistic Research: Armutsforschung (Klassismusforschung) Die Zukunft der Arbeit.

2004

Kind und Kunst

Mittlerweile bin ich der Vater von zwei Kindern, 18 Jahre später wird noch ein drittes dazu kommen. Besonders für KünstlerInnen stellt dies eine Herausforderung dar.  Die Gesellschaft geht sowieso sehr wenig auf die Lebenslagen und schwierigen Arbeitsbedingungen von KünstlerInnen ein, noch schlimmer ist die Situation bei denen mit Kindern. 

Der Erfolgsdruck steigt und das Dauerprekariat wird zur seelischen und pragmatischen Belastung. Auch für mich ist dies eine ständige Herausforderung, die sich besonders an der Frage zuspitzt, ob die vermeintlich “gescheiterte KünstlerIn” weil noch nicht berühmt und durchfinanziert, nicht mit ihrer riskanten Kunst aufhören soll, sobald Kinder im Spiel sind. 

Nur zu gern will die Gesellschaft Kulturschaffende, die in Arbeit an der Bewahrung von Kultur und Demokratie nicht selten verarmen, hämisch zur Ordnung rufen, um im Duktus spießiger Kleinbürgerlichkeit konservativen Werten zum Sieg über die vermeintliche Bohéme zu verhelfen. Jetzt muss man sich ja nicht mehr um Ungerechtigkeit und Menschenrechte kümmern, wenn belegt ist, dass auch die Künstlerin sich angesichts von Kindern und Rechnungen selbst aufgeben und bei der Zerstörung der Welt mitmachen muss, wie jeder andere auch.

Dieser Dauervorwurf der Verantwortungslosigkeit im Versuch Kunst und Kind unter einen Hut zu bringen, ist bei Zeiten schwer zu ertragen und erzeugt kuriose Blüten. 

Weihnachten 2004 schieben Marian Gold von der Band Alphaville und ich zwei Kinderwagen durch den Berliner Schnee. Unsere Kinder sind Cousins. Er ein weltbekannter Rockstar, ich ein ständig unter Geldnot leidender Künstler. Gold fragt mich was ich gerade so mache. Ich komme ins Schleudern. Warum bin ich nicht wie er, denk ich? Ein bescheuerte Frage. – Es ist eine Sache als Künstler bei den spießigen DDR Schwiegereltern Weihnachten zu verbringen, eine ganze andere Kategorie, wenn man sich nicht mal mehr einreden kann, die Außenseiterrolle läge daran, dass man Künstler ist. Denn neben einem läuft das unübersehbare Beispiel, dass es auch anders geht. 

Jedes Mal wenn ich im Radio “Forever Young” von Alphaville höre, was über Jahrzehnte hinweg alle paar Monate passiert, werde ich ganz klein und denke was ich tue sei für alle nur eine Zumutung. Ich sei das Schlimmste was meinen Kindern passiert ist.