Die frühe Erfahrung staatlich organisierter Gewalt

Es ist ein reiner Zufall, dass 1987 die Züchtigung von Kindern an britischen Schulen verboten wird.  Margaret Thatcher und die Tory Partei wollen dies nicht, aber die Premierministerin steckt nach einem Essen mit Nancy Reagan im Stau und so kommt es, dass die Prügelstrafe mit nur einer Stimme Mehrheit überraschend abgewählt wird. Damals glaubt man die Welt würde zusammenbrechen und die Schulen müssten die Klassen radikal verkleinern, um mit dem Ansturm böser Kinder klar zu kommen, welche jede Mitarbeit verweigern.

Etwa 1985, ich bin sechs Jahre alt, werde ich ins Büro der Direktorin gerufen. Ich sehe es noch deutlich vor mir. Auf dem Schreibtisch eine Schüssel mit Süßigkeiten, in der Ecke der lange Rohrstock. 

Sie fordert mich auf andere SchülerInnen zu verraten. Tue ich es, werde ich belohnt, tue ich es nicht, droht Gewalt. Sie wird den Rohrstock nehmen und mich verprügeln.

In diesem Moment stehe ich vor einem unlösbaren Konflikt, der mein späteres Leben und meine Kunst und Forschung wesentlich prägt. Die Obrigkeit will, dass ich etwas zu tiefst Falsches tue, nämlich Freunde zu verraten, und bietet mir dafür Belohnung an. 

Das hat zur Folge, dass  der Staat für mich komplett entzaubert wird, als eine Fake Autorität ohne jede Moral. Und es zwingt mich die Richtung des eigenen Handelns nach einer anderen Ordnung auszurichten, nämlich dem Versuch die tatsächliche, real erlebte Ordnung der Dinge und der Beziehungen zu entschlüsseln und diese öffentlich zu machen. Denn nur auf diese Weise kann ich in dieser Welt überleben.

Doch als Kind ist diese Aufgabe schier unlösbar und übermenschlich. Ich entwickele über die Jahre einen eigenen ethischen Kodex, mache keine Streiche mit den anderen Kindern, bleibe vernünftig und entwickle eine radikale Abneigung gegen jeden Versuch der Bestechlichkeit durch Belohnungen und Einverleibungen, was auch bedeuten muss, dass ich später der Ökonomie mit ihrem Belohnungssystem fundamental misstraue. 

Ich will nicht für Geld arbeiten, sondern für die richtige Sache.

Ich verweigere den einfachen Lohn, nehme die Strafe auf mich, fühle mich schuldig, obwohl ich es nicht bin.

Diese frühe Erfahrung staatlicher Gewalt ist offenbar derart gravierend, dass ich es zeitweise bewusst oder unbewusst vorziehe komplett ohne Lohn zu arbeiten, mit allen Problemen die daraus folgen. Die freie Arbeit erscheint mir die einzig ethisch vertretbare Arbeit.

Es ist nicht überraschend, dass ich komplett austicke, als ich dann nachdem ich 20 Jahre für sehr wenig Geld ackere, um humanere Strukturen zu erarbeiten, schließlich bei Hartz IV lande, wo erneut jemand mit mit Belohnung oder Strafe droht. Doch nun bin ich kein Kind mehr, sondern es ist der Zeitpunkt der Gegenwehr gekommen.  

Aber das ist nicht alles.

Mitte der 80er begegne ich mit 10-11 Jahren Margaret Thatcher persönlich, als sie zufällig im Rahmen eines Staatsbesuchs mit ihrem Hubschrauber in unserem kleinen Tiroler Dorf landet. Wir sind an die 20 Personen, die meisten davon Bodyguards und essen auf dem Hof, für den mein Großvater arbeitet, Speckbrote. Sie kommt auf mich zu, reicht mir die Hand und ich erschrecke wie nie zuvor. Sie sieht aus wie ein Geist.

Diese Mischung aus Kälte, staatlicher Brutalität ihres Auftritts, mit dem Kampfhubschrauber mitten in der Streuobstwiese unserer Nachbarn, verbunden mit der plötzlich intimen Nähe einer gemeinsamen Jause am Nachmittag, vermittelt mir erneut, dass etwas grundlegend in den Verhältnissen zwischen Macht und Realität nicht stimmt. 

Das Leben will etwas anderes von mir. Ich stehe hinter den Kulissen einer medialen Vorführung, in einer Art Truman Show, und will dringend mehr erfahren.