Einladung zu Dropping Knowledge am Bebel Platz

Als Folge von „Gesellschaft ohne Vertrauen“ werde ich als Ersatzmann zu dem Event „Dropping Knowledge“ eingeladen. Vom Regisseur Ralph Schmerberg entworfen, werden 114 Intellektuelle, AktivistInnen, KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, Top-ManagerInnen oder PolitikerInnen an den größten runden Tisch der Welt gesetzt, um Fragen zur Entwicklung der Menschheit zu beantworten. Daraus soll in Folge eine gigantische Bibliothek des Humanen Know-how´s entstehen. Seit Tagen wird das Event in fast allen Sendern angekündigt.

Für mich ist das Erleben dieser Veranstaltung das Erleben eines Grundkonfliktes des gesamten Kulturbetriebs. Ein Augenblick erhält plötzlich eine gigantische Überhöhung an Wert, mit allen Erwartungshaltungen, um im Anschluss zwei Dinge zu hinterlassen. Das Gefühl von hier an unbedingt weiter machen zu müssen, weil die Welt sich plötzlich vor einem zu ändern scheint, es eine Chance zu nutzen gilt, bei gleichzeitigem im Stich lassen all derer die danach im Elend zurückgelassen, sobald die Scheinwerfer ausgeschaltet sind, weiterhin in Machtlosigkeit und im nicht gesehen werden leben und arbeiten müssen. Denn die Veränderungsarbeit, auch in der Kunst, passiert zu einem großen Teil in vielen Stunden, Tagen, Jahrzehnten der einsamen, unbezahlten Arbeit, der Vereinbarung von Familie und Beruf und ständigen Geldproblemen. Man wünscht sich auch diese Seite würde ähnlich heroisch in die Öffentlichkeit gelangen. 

Eine Falle für jede KünstlerIn ist aber diese Droge des 5 Minuten Fame. Die Gesellschaft sagt einem damit, dass man richtig ist, dass man Wert hat, gibt einem die Verpflichtung alles aufzugeben um dieser Sache zu dienen, um einem im Anschluss über 90 % der Zeit jede Unterstützung zu entziehen. Mit diesem Widerspruch umzugehen halte ich für eine der größten Herausforderungen im Leben einer jeden KünstlerIn.

Dennoch, für mich ist Dropping Knowledge ein großer Spaß und ein beeindruckendes Erlebnis. Über Stunden verharre ich auf der Reservebank für Wechselintellektuelle, hoffend, dass der 70 Jährige Nobelpreisträger, die alt gediente Feministin aus den USA oder Bianca Jagger wegen der brennenden Sonne schwächeln, damit auch ich endlich an den Tisch darf. 

Dann ist es soweit, eine russische Menschenrechtsjournalistin steckt am Flughafen fest und ich springe für sie ein. Der US Schauspieler Willem Dafoe  beginnt die nächste Fragerunde, zu der ich kaum was sagen kann, weil es einfach nicht mein Thema ist. Egal. Ich habe bei dieser Menschenrechts-Gameshow endlich gewonnen. 

Auf dem Tisch steht mein Name geschrieben, als wäre er in Arthur´s Tafelrunde eingeritzt. Links von mir ein Schamane, ich glaube rechts ein Kernphysiker. Ich denk mir wow, jetzt hast Du es endlich geschafft, Du wirst gehört. 

Dann plötzlich greift ein Arm hinter mir, über meine Schulter, reißt meinen doch nur aufgeklebten Namen ab. Darunter kommt jener der Journalistin zum Vorschein, ich glaube es war die Putinkritikerin Anna Politkovskaja, die bereits grimmig hinter mir im Rollstuhl sitzt und ihren Platz zurück haben will. 

Den restlichen Tag verbringe ich im Cateringbereich, neben Jonathan Meese, der ständig diese kindischen Dinge tut und trinke mit Olivero Toscani, dem gr0ßen Benetton Werbe-Künstler einen Kaffee. 

Am Abend treffen sich alle in einer Halle in Berlin, in der man den Reservetisch aufgebaut hat, falls es geregnet hätte. Wir nehmen daran Platz, als seien wir Auserwählte einer unfassbar exklusiven Veranstaltung. Ein Bus fährt in der Halle um uns herum, es steigen Zirkusmenschen daraus aus. Dann spielt die grandiose Merret Becker an einer Säge wunderschöne Klänge. Es ist als wäre man in einer neuen Welt. Mit mir am Tisch nimmt der israelische Botschafter Avi Primor Platz und das Essen ist überwältigend. 

Jahre später sitze ich, wegen meines gesellschaftlichen Engagements pleite, im Jobcenter vor einer Jobvermittlerin, die mich wie Dreck behandelt und möchte, dass ich im Callcenter arbeite. Ich denke mir, was will die? Ist sie irre?

Es ist nicht die Schuld derer, die versuchen gegen Unrecht anzuarbeiten, dass diese Welt verrückt ist, sondern die Mythen von Ursache und Wirkung, von Macht, Erfolg, Öffentlichkeit und Geld verzerren die tatsächlichen Verhältnisse. Nur wer Erfolg hat, ist privilegiert am großen Tisch zu sprechen, aber die eigentliche Menschenrechtsarbeit wie viele andere Arbeitsformen, verläuft viel öfter entgegen jener Verhältnisse die Menschen erfolgreich machen. Die Nachhaltigkeit der Bürgerrechtsarbeit, der Kunst zerschellt folglich an der falschen Einschätzung, es seien die Höhepunkte, welche die Welt prägen. Nein, es das Weitermachen, trotz aller Widersprüche. 

Der Staat aber gibt den darin Scheiternden die Schuld für ihr Scheitern, entwertet sie komplett, als sei alles umsonst. Man spricht den Armen das Recht auf Mitsprache, auf Mitwirkung ab. Das ist der geistige Wahn der modernen Politik, die sich darin selbst bestätigen möchte, dass Macht und Größenwahn das einzig Wesentliche darstellen. Dass Relevanz sich am letzten, höchsten Momentum bemisst und nicht am komplexeren Geschehen eines ganzen Lebens.